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Ministerium für auswärtige Angelegenheiten

Ansprache von Herrn Bot. i. R. Dr. Heinrich Pfusterschmid-Hardtenstein anläßlich des Empfangs zum Tag der finnischen Unabhängigkeit - Botschaft von Finnland, Wien : Aktuelles

BOTSCHAFT VON FINNLAND, Wien

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Nachrichten, 20.12.2004

Ansprache von Herrn Bot. i. R. Dr. Heinrich Pfusterschmid-Hardtenstein anläßlich des Empfangs zum Tag der finnischen Unabhängigkeit

Arvoisat naiset ja herrat, hyvät suomalaiset ystävät ja Suomen itävaltalaiset ystävät, tervetuloa! Meine sehr geehrten Damen und Herren, Mitglieder und Freunde unserer Österreichisch -Finnischen Gesellschaft!

Ich freue mich, Sie auch in diesem Jahr hier in der Urania, d.h. unter den Sternen Wiens zur Feier der Erinnerung an die Gewinnung der Unabhängigkeit Finnlands im Jahre 1917 recht herzlich begrüßen zu dürfen. Als eine besondere Ehre betrachtet es die Finnisch – Österreichische Gesellschaft den Botschafter Finnlands in Österreich S. Ex. Tom Grönberg und seine verehrte Gemahlin in unserem Kreis willkommen zu heißen.

Ich möchte aber auch die Gelegenheit wahrnehmen, um unseren Mitgliedern des Vorstands recht herzlich dafür zu danken, daß sie sich während des hinter uns liegenden Jahres mit so viel Engagement und Zeitaufwand für die Beziehungen der beiden Völker und die Angelegenheiten der ÖFG eingesetzt haben. Ein solcher Verein ist wie eine wertvolle Pflanze, die nur blüht, wenn sie liebevoll gepflegt wird. Wir würden uns daher sehr freuen, wenn im neuen Jahr neue Gärtner zu uns stoßen würden. Also bitte melden sie sich zahlreich.

Vielleicht sollten wir uns bei der Gelegenheit die grundsätzliche Frage stellen, ob Nationalfeiertage im Zeitalter weltweiter Vernetzung, Vereinter Nationen und Europäischer Union überhaupt noch zeitgemäß sind, zumal für uns alle der Anlaß meistens in eine Zeit fällt, die wir nicht erlebt haben. Anlässe die mit viel Blut und Tränen verbunden waren und seit bald 60 Jahren in Finnland ebenso wie in Österreich Gott sei‘s gedankt, keine Parallele gefunden haben, und hoffentlich nie mehr finden werden. Wenn wir die Frage dennoch mit ja beantworten, dann tut sich sofort eine weitere Frage auf, nämlich die nach dem Sinn für ein solches Feiern. Da wir an diesem Tag mit Dankbarkeit jener Menschen gedenken, die unter vielen Opfern und schwerem Leid die Grundlagen für unser heutiges Dasein in Frieden und Wohlstand gelegt haben, müssen wir uns überlegen, was getan werden muß, damit wir diesen Schatz unseren Nachfahren weiter geben können. Es geht dabei um die Erhaltung und Fortentwicklung der Werte und Errungenschaften der Gemeinschaft in der wir aufgewachsen sind und heute glücklich leben.

Ich glaube, daß die Erweiterung des Aktionsradius der Menschen, innerhalb einer auf über sechs Milliarden angewachsenen Weltbevölkerung mit so vielfältigen klimatischen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Unterschieden Strukturen nötig macht, die den Zusammenhalt und die Selbstverwaltung der Menschheit auf verschiedenen, miteinander verbundenen Ebenen, von der Familie bis zu den Vereinten Nationen ermöglichen. Das kann man jedoch nicht auf dem Reißbrett entwerfen. Um den Wechselfällen der Geschichte gewachsen zu sein, müssen solche Strukturen aus einem Prozeß des Geben‘s und Nehmen‘s der Beteiligten hervorgegangen sein, einem Prozeß der über Generationen hinweg verläuft. Wir erfahren es unmittelbar, wenn wir an die Orte und Landschaften unserer Jugend denken und vielleicht sogar nach Jahren der Abwesenheit wieder einmal zurückkehren, um dann festzustellen: da bin ich emotional immer noch zu Hause, da finde ich meine alten Bindungen zu den Mitmenschen und den gemeinsamen gesellschaftlichen und staatlichen Einrichtungen wieder.

Unsere europäischen Nationalstaaten sind so gewachsen und haben seit etwa drei bis vier Jahrhunderten ihren Bürgern nach und nach Recht und Ordnung gesichert. Dies ist nicht immer ohne Krisen und Rückschläge vor sich gegangen, mitunter in den erwähnten blutigen Auseinandersetzungen. Dabei wurde das Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen gestärkt und das Bewußtsein geweckt, daß man miteinander nicht nur die Sprache sowie gewisse besondere Erfahrungen und Lebensweisen teilt, sondern auch die Fährnisse des Lebens zu bewältigen vermag. Das ist jedoch die Voraussetzung dafür in Konkurrenz und Zusammenwirken mit anderen Nationen in Frieden und Freiheit leben und arbeiten zu können.

Wir heute Lebenden scheinen durch das Schicksal begünstigt zu sein, denn die Gefahr durch habgierige Nachbarn mit Gewalt vereinnahmt zu werden, ist hoffentlich für immer gebannt. Dafür tut sich eine neue Gefahr auf, nämlich eine Haltung die ich mit Beliebigkeit für alle Stile und Lebensformen bezeichnen möchte. Ich denke dabei an eine gelegentlich zu beobachtende Tendenz unbesehen die Vorgaben anderer zu übernehmen und alles nach dem gleichen Leisten zu strecken Eine solche Einstellung begünstigt das Entstehen amorpher Massen, die sich in Krisenzeiten unvorhersehbar und kaum zu beherrschend verhalten; wie wir derzeit am Auftreten von Fanatikern und Populisten beobachten können. Viele Menschen beginnen an Europa als politischem Ziel zu zweifeln und glauben Brüssel als Ort der zuständigen Institutionen dafür verantwortlich machen zu müssen. Sie übersehen dabei die Auswirkungen moderner Technik, Kommunikation und persönlicher Mobilität, durch die das Leben jedes Einzelnen von Geschehnissen außerhalb der nationalen Grenzen beeinflußt wird. Sie in geordnete Bahnen zu leiten erfordert über den Nationalstaaten stehende Organe. Diese müssen und können jedoch von den alten durch die genannten emotionalen Bindungen starken nationalen Gemeinschaften an der Basis bei ihrer Tätigkeit geleitet werden.

Finnland hat in den wahrlich schwierigen und gefährlichen Jahren der beiden Weltkriege, sowie schon zuvor und danach gezeigt, daß eine verhältnismäßig kleine Gemeinschaft, wenn sie zusammenhält, in der Lage ist, ihre Eigenheiten und darunter vor allem das demokratische politische System zu schützen und zu erhalten. Dabei wurde gegen alle Trends in Europa von einem kleinen Staat ein Zeichen gesetzt, das später durch den erfolgreichen Wiederaufbau des Kontinents weit über die Grenzen des Landes hinaus seine Bestätigung gefunden hat.

Als ich vor nunmehr 33 Jahren als Botschafter nach Helsinki entsandt wurde, hatte man von Finnland sportliche Erfolge und viel Holz und Papier erwartet. Auf kulturellem Gebiet hätte man es unter die Kategorie einzelner Provinzen Europas eingestuft, von eher lokaler Bedeutung und nicht viel mehr. Heute ist dieses Land und sein Volk in den erstaunlichsten Bereichen als ein Mitgestaltender und global player weltweit in Spitzenpositionen zu finden. Es gibt bald keinen Tag mehr, an dem nicht in unseren Zeitungen über eine neue finnische Spitzenleistung berichtet wird, sei es ein Symposium über finnische Komponisten und neue Opern, sei es ein Skispringer, eine Slalomläuferin, ein erfolgreiches Formel I Rennen, ein finnisches Unternehmen oder die Pisastudie über die Lernerfolge der Schüler, um nur einige zu erwähnen. Vielleicht werden wir eines Tages alle zunächst finnisch lernen müssen, um ordentlich lesen und schreiben zu können. Erstaunlich ist vor allem die Breite dieses Angebots, leben doch in Finnland weniger als ein Viertel der Menschen Mexiko Citys. Ich führe das vor allem auf zwei Ursachen zurück: Erstens auf einen starken Sinn für die Realitäten des Lebens und der Umwelt, in der wir leben. Mit Illusionen, spanischen Schlössern und exzentrischen Flausen kann man Aufsehen erregen aber keine beständigen Ergebnisse erzielen. Zweitens auf die Fähigkeit das einmal Erkannte auch gegenüber Widerständen durchzuziehen und nicht sich in immer neuen Ansätzen und Versuchen es noch besser zu machen zu verzetteln. Sisu heißt der finnische Schlüssel zum Erfolg, auch in der Politik.

Damit zeigt Finnland, daß selbst ein an Zahl kleines Volk eine eigenes Profil und in der Welt globaler Zusammenhänge eine ausgesprochene Identität wahren kann, selbst wenn nach und nach viele einst nur dem Staat vorbehaltene Rechte und Zuständigkeiten zu einer höheren Ebene, wie beispielsweise zur Europäischen Union abwandern.

Als ich vor drei Jahren in einem Buch versucht habe die Stellung des kleinen Staates in einer weltweit vernetzten Gemeinschaft von über 200 Staaten zu analysieren, kam ich zum Schluß, daß es gerade die Erhaltung und Fortentwicklung der eigenen Kultur als der besonderen Form der Gestaltung des individuellen und geselligen Lebens sein wird, die es einem kleinen Volk ermöglichen sollte, sich weiterhin mit seinen Eigenheiten und Traditionen zu behaupten und in die Entwicklung der Menschheit gestaltend einzugreifen. Dies ist dem finnischen Volk in den letzten Dezennien in erstaunlicher Weise gelungen. Die Generationen die heute am Werke sind, haben damit das Werk ihrer Vorfahren aus der Zeit der Kämpfe um die Unabhängigkeit in friedlicher Weise fortgesetzt. Daß ihnen das auch weiterhin gelingen möge, wünschen wir unseren finnischen Freunden daheim und im Ausland aus ganzem Herzen. Lassen Sie mich abschließend Ihnen allen frohe und unbeschwerte Weihnachten und den Beginn eines glücklichen und mit Erfolg gesegneten Jahres 2005 wünschen. Toivotan teillä kaikille hyvää joulua ja onnellista uutta vuotta!


ZBot. i. R. Dr. Heinrich Pfusterschmid-Hardtenstein
Präsident der Österreichisch-Finnischen Gesellschaft in Wien

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Aktualisiert 20.12.2004


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